07/04/2012

ÖVP präsentiert sich immer wieder als Sozialabbaupartei

von wilfriedkheld

Es ist ja nichts Neues, dass Vorfeldorganisationen oder einzelne Proponent_innen politische Versuchsballons steigen lassen. Und bewusst platzierte Indiskretionen sind ein probates Mittel, heikle Themen zu testen. So wie in der jüngsten Vergangenheit. Frau Finanzminister Fekter streute Indiskretionen aus den Verhandlungen über den europäischen Rettungsschirm und sorgte mit ihren Bemerkungen über Euro-Gruppen-Chef Juncker für allgemeines Kopfschütteln. Dass es sich bei der Sache eventuell um einen inszenierten Theaterdonner handelte, um von der eigentlichen Thematik abzulenken, daran hat in der veröffentlichten Meinung niemand zu denken gewagt. Das Ergebnis: Fekter-Bashing pur. Das gehört zwar zu ihrer Jobdescription, zielt meistens jedoch in die falsche Richtung, da die Inhalte so in die zweite Reihe rücken. Es lebe die Kommunikation.

Aber auch Peter Haubner, in seiner Funktion als Sekretär des Wirtschaftsbundes, ist auch kein Kind von Traurigkeit. Sein Vorschlag, den ersten Krankenstandstag nicht zu bezahlen, stößt auf relativ wenig Gegenliebe. Bei einer Online-Frage des “Kurier” stimmten 70 Prozent gegen den Vorschlag von Haubner (bei über 4200 abgegebenen Klicks). Die Idee von Peter Haubner ist aus Sicht der Arbeitgeber verständlich. Dass der ÖVP-Mann nicht selbst Vater des Gedankens ist, beweist, dass originelle sachbezogene Konzepte fehlen. Copy and paste ist ja nicht nur in der EDV und bei wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Vormarsch. Natürlich ist das Kopieren von ausländischen Modellen gleichzeitig ein Legitimationsfaktor. Die Schweden dienen ja schließlich als Vorbild, was den Sozialstaat betrifft. Aber welche Argumente werden – abgesehen davon, dass es diese Regelung auch in Schweden gibt – angeführt? Statistisch gesehen gehen die Lohnarbeiter*innen in Österreich knapp 13 Tage pro Jahr in Krankenstand. In den letzten 20 Jahren seien die Krankenstände auch insgesamt leicht rückläufig. Die in diversen Zeitungsartikeln kolportierten Zahlen stellvertrend der KURIER sprechen von 15,2 Tagen auf 12,9. Das ist doch erfreulich – für die Arbeitgeber*innen. Angeblich sei die Anzahl der Kurzkrankenstände dabei stark in die Höhe gegangen. Das mag schon stimmen. In der Diskussion geht es jedoch rein um Ökonomie UND betriebswirtschaftliche Kennzahlen. Die Arbeitgeber*innenseite will die Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle aushöhlen. Wenn der erste Tag nicht bezahlt wird, sparen die Firmen sich einige Kosten – dies in doppelter Hinsicht. Erhöhung der Anwesenheitstunden und eine Gehaltskürzung durch die Hintertür. Desweiteren wird übersehen, dass viele Kurzkrankenstände notwendig sind, da der Arbeitsdruck gewachsen ist. In einer meiner letzten Firmen wurde sogar eine Krankenbestätigung ab dem 1. Tag verlangt. Auch dies ist ein Mittel um Kurzkrankenstände einzudämmen und bestätigt, dass sich ein ökonomisches Ziel hinter der Argumentation verbirgt.

Aus persönlichen Berichten weiß ich auch, dass längere Krankenstände sowieso ein heikles Thema sind und oft bei großen Betrieben im Handel eine Kündigung nach sich ziehen. Wenn schon Lohnarbeit, dann müssen die Rahmenbedingungen so geschaffen werden, dass die Lohnarbeiter*innen nicht dauernd das Gefühl bekommen in Krankenstände flüchten zu müssen respektive sich das Wochennende oder Ruhezeiten herbeisehnen.

Aber der Vorschlag von Herrn Haubner ist nicht der erste, der zu einem Abbau von Sozialleistungen führt. (Vertreter*innen anderer Parteien, vornehmlich jene, die sich als Arbeiter*innenpartei verstehen, schauen ja oft stillschweigend zu und machen sich so zu Kompliz*innen. Der Verweis auf etwaige Notwendigkeiten und Rahmenbedingungen ist ebenso fadenscheinig wie der Verweis auf Systeme in anderen Staaten.

Haubners Vorschlag ist nicht der einzige, der auf einen Abbau von Sozialleistungen oder eine Erhöhung von Steuern abzielt. Ein paar Beispiele:

  • Der Klagenfurter ÖVP-Stadtrat Peter Steinkellner fordert einen Steuerzuschlag für kinderlose Paare. Kleine Zeitung
  • Maria Fekter ortet “institutionalisierten Sozialmissbrauch” bei der Mindestsicherung in Wien. Es würdee zu großzügig ausbezahlt. (Hinweis 773 Euo für Alleinerziehende 12mal pro Jahr) OTS-Aussendung
  • Johanna Mikl-Leitner will “Frühpensionen” bei AMS-Bezieher*innen abschaffen. Andere Job-Möglichkeiten sollen für Arbeitssuchende ab 40 ausgelotet werden. So as gäbe es keine Berufsorientierung und Umschulungen. Der Vorschlag zielt auf etwas anderes ab. övp-Website
  • August Wöginger möchte 2011 ein “freiwilliges soziales Jahr” einführen. Hinter dem “freiwilligen sozialen Jahr” steckt Gratisarbeit im Sozialbereich. OTS-Ausssendung Wöginger
  • Das sind nur einige Punkte aus der jüngsten Zeit. Weitere tolle Einfälle. Das Pensionserhöhungsthema als Dauerbrenner, Steuern auf Arbeit statt auf Kapital, die Idee de Transferdatenbank von Josef Pröll etc. Die Liste kann gerne ergänzt werden.
31/03/2012

Gedenktag: am 31. März 1965 wurde Ernst Kirchweger niedergeprügelt

von wilfriedkheld

Der Name Ernst Kirchweger wird in Wien stark mit dem so genannten EKH, dem Ernst Kirchweger Haus, einem besetzten Haus im Wiener Arbeiterbezirk Favoriten verbunden. Das Gebäude, das 1990 besetzt wurde und lange Zeit der KPÖ gehörte, ist heute noch ein alternatives Kulturzentrum.

Ernst Kirchweger wurde 1898 in Wien geboren. Er war bis zum tändestaat  Mitglied Sozialdemokratie und schloss sich dann der illegalen KPÖ an. Während der Zeit des Faschismus engagierte er sich in den illegalen “Freien Gewerkschaften”.

Am 31. März 1965 kam es in Wien zu einer Großdemonstration antifaschistischer Studenten und Mittelschüler gegen den reaktionären Professor an der Hochschule für Welthandel in Wien, Taras Borodajkewicz, der keinen Hehl aus seiner antisemitischen Grundhaltung machte und immemr wieder antiösterreichische Bemerkungen machte.  Auch der 67jährige Pensionist Ernst Kirchweger nahm an dieser Kundgebung teil. Als rechtsstehende Studenten versuchten, die Kundgebung zu stören, kam es zu Tätlich­keiten. Dabei wurde Kirchweger von dem als Neonazi bekannten Günther Kümel attackiert und so schwer verletzt, dass er am 2. April im Krankenhaus verstarb.

Der Tod von Ernst Kirchweger führte zu noch stärkeren Demonstrationen. Sein Begräbnis wurde zu einer antifaschistischen Großdemonstration mit 25.000 Teilnehmer*innen. Josef Hindels bezeichnete ihn in seiner Rede “als erster Märtyrer Österreichs in der Auseinandersetzung mit der neuen faschistischen Gefahr.” Der Täter Kümel wurde wegen “Notwehrüberschreitung” zu zehn Monaten Arrest verurteilt, Borodajkewicz im Mai 1966 zwangspensioniert. Der Tod Kirchwegers löste eine bis dahin in Österreich einmalige Welle antifaschistischer Aktivitäten und Aufklärungsaktivitäten.

 Josef Hindels Rede beim Begräbnis von Ernst Kirchweger

14/03/2012

Film: Die Lücke im System

von wilfriedkheld

Es ist Zeit Erbauliches und Wichtiges aus der Filmkunst zu präsentieren. (Spiel)filme sind ein wunderbarer Spiegel von Themen und Motiven, die wichtig in einer Gesellschaft sind. Wenn man/frau so will, könnte man/frau auch behaupten, dass Filme teilweise die “neuen Märchen” liefern. Sie verbinden und bieten Gesprächsstoff. Sie sind ein Zeitvertreib und dienen sowohl der Zerstreuung als auch der Bildung.

Die Lücke im System ist eine Schweizer Produktion aus dem Jahr 2004. Der Plot der Geschichte ist recht einfach und schnell erzäht. Alex (Vincent Bonillo) undd Fred (François Nadin) sind Globalisierungsgegner beschränken ihr Tun nicht auf ein paar Sonntagsreden.  Alex arbeitet als Putzkkraft in einer Großbank, während Fred einen kleinen Computerladen betreibt. Der Job als Putzkraft dient der Sondierung des Terrains. Der Plan der beiden ist einfach und doch effizient:  Durch eine Lücke im System der Großbank in der Alex arbeitet, wollen beide ein Computervirus einschleusen, um den bevorstehenden Weltwirtschaftsgipfel zu sabotieren. Das Virus soll die Transaktionen der Bank annulieren und die E-Mailadressen der Banker veröffentlichen. Als Folge rechnen die Aktivitsten mit Chaos an den Finanzmärkten und einer Absage des Gipfels. Alex hat 3 Minuten um das Virus über eine Bluetoothkarte ins System zu schleusen.

Schnitt: Alex wacht auf der Intensivstation eines Krankenhauses auf. Er hat einen Filmriss. Ihm fehlen 24 Stunden in seinem Gedächtnis. Die behandelnden Ärztinnen Dr. Koenig und Dr. Tarkova überzeugen Alex davon in einer Studie mitzumachen, die darauf abzielt, das Gedächtnis bei Amnesiepatient*innen zu stimulieren. Mit der Erinnerung treten jedoch auch immer mehr Zweifel am Programm und an den Absichten der Ärztinnen auf. Forschung ist schließlich teuer. Zu allem Überfluss ist Freund Fred wie vom Erdboden verschwunden. Die angegriffene Großbank versucht die Dinge selbst in die Hand zu nehmen…

“Die Lücke im System” beruht auf wahren Ereignissen auf. 2001 gelang es tatsächlich Hackern in die Server des Weltwirtschaftsforums in Davos einzudringen. Der Film ist also nicht nur Spielfilm, sondern auch ein Versuch die Ereignisse von damals zu rekonstruieren. Das Mittel des Spielfilms ist daher besonders geeignet, da es gilt verschiedene narrative Ebenen – Erinnerung, Spekulation und wahre Ereignisse zu verbinden.

 

02/01/2012

2011 – Das Jahr der Proteste und der Aufstände. Eine Chronologie

von wilfriedkheld

2011 geht mit ziemlicher Sicherheit als das Jahr der Aufstände, der Proteste und der politischen Umbrüche in die Geschichte ein. Einige Kommentator*innen gehen sogar davon aus, dass das Jahr 2011 in einem Atemzug mit dem Jahr 1968 und dem Jahr 1989 zu nennen ist, beides Jahreszahlen und Symbole für politische Neuordnungen in der so genannten westlichen Welt. Es scheint fast so als habe Stéphane Hessel mit seinem „Empört euch“ den Startschuss geliefert für ein spannendes politisches Jahr. Allein in Berlin kam es angeblich zu 4000 Demonstrationen und Protestaktionen (mehr dazu weiter unten im Text). Der Weblog „www.manuelmeint.de“ stellte sogar, dass das Jahr mit Protesten in 24 Ländern begann. Ich komme zwar in meiner Aufzählung nicht auf diese 24 Länder, aber dennoch ist die Liste ganz schön lang. Googelt man/frau die Begriffe „Aufstand“ und 2011, stehen die nordafrikanischen Staaten und die Regierungswechsel im Vordergrund. Auch noch der heiße August in Tottenham/Großbritannien findet durchaus Beachtung durch die Suchmaschine. Beim Begriff „Jugendproteste“ fielen dann eher die „Occupy“-Bewegungen ins Gewicht.

Die Liste, die ich hier präsentiere erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, noch auf genaue Abbildung der Geschehnisse im Sinne einer wissenschaftlichen historischen Dokumentation. Im Wesentlichen basiert diese Liste auf Recherchen in deutschsprachigen Zeitungen und Medien. Für etwaige Ergänzungen, Berichtigungen und Kommentare bin ich dankbar. Nutzen Sie einfach die hier angebotenen Möglichkeiten. Wir beginnen unsere kleine Aufzählung Ende 2010 und hören am 01. Jänner 2012 auf.

Unsere erste Station auf unserer kleinen Zeitreise ist der 17. Dezember 2010: Dieses Datum steht für den Beginn der so genannten Jasminrevolution in Tunesien. Auslöser der Unruhen war die sich rasch verbreitende Nachricht über die Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi am 17. Dezember 2010 in Sidi Bouzid, einer 250 km südlich der Hauptstadt Tunis im Landesinneren gelegenen Stadt. Die Unruhen führen zu einem Dominoeffekt in der Arabischen Welt, vornehmlich in Nordafrika. Am 14. Jänner 2011 verlässt das tunesische Staatsoberhaupt Zine el-Abidine Ben Ali nach 23 Regierungsjahren fluchtartig das Land. Es kommt zu einer Übergangsregierung. Neuwahlen finden schlussendlich Ende September statt. Es siegen die als gemäßigt geltenden Islamisten. Tunesien ist das Vorspiel zum eigentlichen „arabischen Frühling“.

05. Jänner 2011:
Aufstand in Algerien. Im Gegensatz zu Tunesien kommt es hier zu keinem Machtwechsel. Präsident Bouteflika sitzt seit 1999 auf dem Regierungssessel. Im Zuge der Proteste verspricht er allerdings Reformen. Das Land kommt später negativ in die Schlagzeilen, weil Angehörige der Familie Gaddafi angeblich in Algerien Unterschlupf finden. Die wird so gar nicht von der NTO goutiert. Interessant ist auch ein Hinweis des deutschen Nachrichtenformats „Tagesschau“. Laut Multimediapräsentation über den so genannten „Arabischen Frühling“ habe die geheimnisumwitternde Al-Kaida die algerische Bevölkerung dazu aufgerufen, gegen Bouteflika aufzubegehren.

25. Jänner 2011:
Beginn der ägyptischen Proteste, die zur Ablösung des Langzeitherrschers Mubarak führen. Die Proteste finden in ganz Ägypten statt. Allerdings wird der Tahirplatz zum Symbol für viele weitere Protestaktionen (siehe weiter unten). Das Einsetzen eines Militärrates bringt vorläufig Ruhe. Das Militär kann sich jedoch nur zögerlich von der Macht trennen. Es flammen im November neue Proteste auf. Von Frieden ist keine Spur. Auch gegen Ende des Jahres gibt es weiterhin Proteste, die sich gegen das Militär richten. Die langersehnten Neuwahlen sollen mit Ende Jänner 2012 abgeschlossen sein.

In Libyen beginnen ebenfalls Aufstände. Es geht vornehmlich darum den seit 42 Jahren machthabenden Gaddafi zu ersetzen. Der Aufstand wird tatkräftig von der NATO unterstützt. Ab März werden regelmäßige Luftangriffe geflogen. Es ist dies die einzige Revolution, der einzige Aufstand, in dem die Westmächte offiziell mitmischen, was angesichts der Unberechenbarkeit von Gaddafi und den Ölvorkommen durchaus plausibel ist. Im Gegensatz zu anderen Regionen, wie etwa Syrien, wo weder die Arabische Liga, noch der U.N.-Sicherheitsrat eine einheitliche Stimme finden. Es entsteht zum wiederholten Male der Eindruck in der Geschichte des Postkolonialismus, dass den so genannten westlichen Mächten vollkommen egal ist, wer wie und wo in Afrika regiert. Hauptsache ist, dass die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen stimmen und die diplomatischen Kontakte gut sind. Gut für wen, fragt man/frau sich. Gaddafi wird getötet (andere behaupten hingerichtet). Seit 22. November 2011 gibt es in Libyen eine Übergangsregierung.

27. Jänner 2011: Auch im Jemen beginnen Proteste und erstrecken sich über das gesamte Jahr 2011. Die Ursachen für die Proteste sind sicherlich mit einem gewissen Dominoeffekt zu begründen. Aber auch die Langzeit“präsidentschaft“ des Herrn Salih und die herrschende Armut sind Grund genug für zahlreiche Jeminit*innen auf die Straße zu gehen.

11. Februar 2011: Auch im Bahrain kommt es zu Protesten. Diese dauern fast das ganze Jahr und erstrecken sich auch in das Jahr 2012. Zentrum des Die Forderungen zielen auf ein Mehr an Demokratie ab. Die Regierung reagiert mit großer Härte. Es kommt zu Toten, die die Proteste nur verstärken. Der Formel-1-Grand-Prix wird abgesagt. Dies ist natürlich absolut tragisch. Ein Formel -Eins-Rennen bei dem Sebastian Vettel seine gestreckten Zeigefinger in die Kameras dieser Welt recken konnte. Der ausgerufene Ausnahmezustand dauert von März bis Juni 2011. Auch danach kommt das Land nie wirklich zur Ruhe.

20. Februar 2011: Beginn der Proteste in Marokko. Das Königtum steht nicht zur Disposition. Das Volk verlangt Reformen. Es darf ebenso wie im Falle von Algerien natürlich die berechtigte Frage gestellt werden, inwieweit postkoloniale Bestrebungen hier den Erhalt und die Sicherung der Macht durch die Machtinhaber absichern. Weitreichende Verfassungsänderungen werden dem König abgerungen. Der Ministerpräsident soll so zum Beispiel nicht mehr per Ernennung, sondern durch eine Wahl ermittelt werden. Soziale Fragen stehen ebenfalls auf der Tagesordnung. Doch die Proteste verlaufen nicht so friedlich, wie dies die rudimentäre Berichterstattung im deutschsprachigen Raum erscheinen lässt. Bei den Protesten kommen etliche Menschen um oder werden verletzt. Die vorgezogenen Parlamentswahlen im November sind eine erste Umsetzung der königlichen Versprechen. Die „gemäßigten Islamisten“ gewinnen die Wahl. Zu Weihnachten werden die Demonstrationen wieder aufgenommen, dem Einvernehmen nach ohne die in Regierungsverantwortung stehenden Islamisten.

März 2011:
Auch Syrien probt den Aufstand. Während bei der libyschen Intervention, die so genannte internationale Gemeinschaft schnell agiert ist die Lage in Syrien ziemlich hoffnungslos. Sporadische Meldungen von Militärgewalt, Schüssen auf Demonstranten etc. tauchen immer wieder in den Medien auf. Eine Beobachtermission scheitert, wegen eines Interessenskonflikts des Missionsleiters. Zahlreiche Soldaten befinden sich im Exil und gelten in Syrien als Deserteure. Die Thematik Syrien wird auch noch 2012 sehr virulent sein.

12. März 2011: Der Tag des „Movimiento“ in Portugal. Eine Protestbewegung formiert sich. Es entsteht der Eindruck, dass die Proteste vom Maghreb über die alte iberische Axe nach Europa transportiert werden sollte. 300.000 Menschen gehen auf die Straße um zu protestieren. Allerdings werden diese Proteste – im Gegensatz zu jenen, die sich in Spanien über einen längeren Zeitraum herausbilden – in meiner Erinnerung deutlich weniger von den deutschsprachigen Medien erwähnt.. Eine Internetrecherche bestätigt diesen Eindruck. Die Gründe für die Proteste in Portugal sind ähnlich gelagert, wie jene in Spanien. Eine rasante Jugendarbeitslosigkeit, hohe Schulden, vorgezogene Neuwahlen aufgrund der Schuldenkrise.

15. Mai 2011:
In Spanien wird Stéphane Hessel wortwörtlich genommen. Die „Endignados“ kampieren wochenlang auf den Straßen. Die Initiator*innen nennen sich selbst „verlorene Jugend“. Spanien hat eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit. Ein weiterer Grund für die anhaltenden Proteste dürfte das enge politische Spektrum gewesen sein. Es gibt in Spanien die Partido Popular und die Partido Socialista Obrero als Wahlalternativen. Kleinere Parteien spielen bei nationalen eine geringe Rolle. Die Proteste beginnen mit einem Aufruf in 58 spanischen Städten. Höhepunkt sind die Proteste beim „Weltjugendtag“ in Madrid. Der Papst sollte nicht von den „Endignados“ behelligt werden. Das vorläufige Ende der Protestes entlädt sich in einer Abrechnung mit der sozialdemokratischen Regierung Zapatero. Die sozialdemokratischen Wähler*innen bleiben zu Hause und somit können die Konservativen einen Wahlsieg verbuchen, in dem sie nur geringfügig mehr Stimmen für sich gewinnen konnten. Versuche in Berlin ein ähnliches „aCampada“-Zeltlager zu organisieren scheitern kläglich.

Juni 2011: in Griechenland sind Krawallen und tägliche Demonstrationen sowie ausgedehnte Streiks vor allem im öffentlichen Dienst die Reaktion für den heftigen Sparkurs der Regierung. Diese Demos ziehen sich über den Rest des Jahres in unterschiedlicher Intensität. Auch wenn zwischenzeitlich eine Regierungsumbildung vorgenommen wird, ist das Ende der Demonstrantion und der gesamten Problematik offen.

Juli 2011:
In Israel, vornehmlich in Tel Aviv, initiiert die 25-jährige Regisseurin Daphne Leev ähnliche Proteste, wie in Madrid. Der Auslöser für das freiwillige Kampieren auf der Straße, liegt in einem persönlichen Schicksal begründet. Leev wurde die Wohnung gekündigt. Die Mieter*innen haben der Berichterstattung zu Folge in Israel wenig Schutz vor der Willkür der Besitzer*innen. Weiters sind soziale Gründe wichtig. Die Mittelschicht droht zu verarmen. Auch hier ist der Protest betont jugendlich und zivilisiert. Genaue Forderungen in Form eines detaillierten Katalogs bleiben im Hintergrund. Die Palästinenserfrage, die eng mit der sozialen Frage verknüpft ist, bleibt sehr im Hintergrund. Angeblich um die laufenden Proteste nicht zu gefährden. Interessant ist, dass dieses Thema nicht nur in Israel auf sehr dramatische Weise thematisiert wurde. Bei einem Besuch der Hansestadt Hamburg und dem Schanzen,- respektive Karoviertel wird relativ schnell klar, dass es um Gentrifikation und zu hohe Mieten geht. Ein Ladenbesitzer im Karoviertel meinte, dass Hamburg sich mittlerweile zur teuersten Stadt in Deutschland entwickelt habe.

7. August 2011: Ausschreitungen der Jugend in Tottenham/London. Untypisch und ganz und gar nicht der britischen Zurückhaltung entsprechend, sind die Bilder, die uns aus London erreichen. Sie sind normalerweise eher in französischen Banlieues anzusiedeln. Aber auch in London scheinen viele Vororte unter der Politik der konservativen Regierung zu leiden und ihre Bewohner*innen tanzen/schreiten bewusst aus der Reihe. Zudem sind die Ursachen für die Proteste und Plünderungen durchaus auch sehr „französisch“. Nach der Erschießung eines jungen Familienvaters durch die Polizei liefern sich zahlreiche Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei. Geschäfte werde geplündert. Neben den allgemein sozialen Gründen für die Ausschreitungen, sollen auch Schikane gegenüber Jugendlichen mit Migrationshintergrund Auslöser für den Aufstand gewesen sein. Der österreichische Jugendforscher Philipp Ikrath vertritt die Meinung, dass die Proteste durchaus von Jugendlichen aus der Mittelschicht mitgetragen werden. Dies kann bedeuten, dass viele jugendliche Aktivist*innen sich nicht mehr an die traditionellen Formen des Protestes halten und ihrer Wut und ihrem Zorn Ausdruck durch Auschreitungen verleihen. Ferner gab es schon im Vorjahr massenweise Demonstrationen gegen die hohen Studiengebühren, die von der konservativen Regierung deutlich erhöht worden waren. Die Parteizentrale der regierenden Konservativen wurde sogar besetzt. Auch diese Proteste liefen nicht „keimfrei“ ab. Eine Erhöhung der Studiengebühren wurde trotz oder vielleicht gerade wegen der Proteste beschlossen. Der Boden war für Tottenham also schon aufbereitet.

10. August 2011: Der chilenische Präsident Sebastian Pinera ruft zum Dialog über die Bildungsreform auf. Zuvor kommt es zu monatelangen Protesten in Chile, die zwar auch auf unserem Protestradar vernommen wurden, dennoch wird nicht in derselben Intensität berichtet, wie dies bei anderen Aktionen oder gar den seinerzeit verschütteten Minenarbeitern im Sommer 2010 der Fall war. Worum geht es? In Chile stehen ebenso soziale Fragen im Vordergrund wie in den meisten aufbegehrenden Südamerikastaaten. Laut der deutschen „Tagesschau“ ist das Studium sehr teuer. Jede/r Absolvent/in beginne mit Schulden von umgerechnet 60.000 Euro. Ebenfalls werden höhere Sozialausgaben im Allgemeinen gefordert.

28. August 2011:
Nach Berichten der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ beendet Anna Hazare (Anna ist in diesem Fall männlich), der mit einem Hungerstreik einen Protest gegen Bestechung und Korruption in seinem Land initiierte, seinen Hungerstreik. Diese extreme Form des individuellen Protestes wird begleitet von zahlreichen Kundgebungen der Bevölkerung. Laut Bericht fließen in Indien bei einfachsten staatlichen Dienstleistungen wie Eheschließung und Spitalsaufenthalten Bestechungsgelder. Der Hungerstreik wird beendet, nachdem die Regierung zustimmte, die Gesetzeslage zu verschärfen und die Forderungen nach Ombudsleuten, einer Bürgercharta und der Schaffung einer unabhängigen Kontrollbehörde im Parlament zu erarbeiten. Anna Hazare beruft sich bei seinen Protestaktionen auf Gandhi. Seine Anhänger*innen sehen ihn als moralischen Führer, andere als Populisten, der einen aggressiven Nationalismus vertrete. Vor allem die Tatsache, dass Hazare nicht an grundlegende Fragen, wie Kastenwesen und Gleichstellung der Frau rühre, scheint ein Kritikpunkt seiner Gegner*innen zu sein. Außerdem sei Anna Hazare durchaus eine autoritäre Persönlichkeit, die keine demokratischen Entscheidungen in seinem Umfeld zuließe. Wie Urvashi Butalia in der Ausgabe 95 von „Lettre international“ berichtet, steht der Protest Hazares auf tönernen Füßen. Die versprochenen Gesetzesneuerungen wurden bisher nicht umgesetzt. Im Gegenteil: Führer*innen des Protestes werden nun der Korruption (wenn auch meist in sehr bescheidenem Ausmaß) verdächtigt und somit die Bewegung diskreditiert. Für Butalia bleibt die Hoffnung, dass weitere Protestbewegungen in Indien entstehen, um grundsätzlich etwas zu ändern.

17. September 2011: In New York beginnen Proteste, die eine teilweise weltweite Ausbreitung finden. Ab dem 17. September kampieren Aktivist*innen im New Yorker Zuccotti-Park unter freiem Himmel, um gegen die Wallstreet und das Finanzkapital zu protestieren. Die Forderungen bleiben von Anfang an mehr oder weniger diffus und werden durch einen Slogan ersetzt… Wir sind die 99 Prozent. Die Proteste weiten sich in den USA auf andere Städte aus. Ebenso wurde in Frankfurt ein “Occupy EZB” initiiert. Die Bewegung in NY wird nach der Reinigung des Lagers durch die Stadtverwaltung ihres Stützpunktes beraubt. Dies geschieht im November. Es kommt im Zuge der Besetzungen immer wieder zu Verhaftungen. Als am 01. Jänner 2012 die Occupy-Aktivist*innen den noch immer abgesperrten Zuccotti-Platz wieder besetzen wollen, treffen sie auf Widerstand seitens des NYPD. 68 Menschen werden laut Medienberichterstattung verhaftet.

15. Oktober 2011:
Der Versuch eines weltweiten „Occupy“-Days wird lanciert. Eine Facebookgruppe gründet sich auch in Österreich. Am Weltaktionstag von „occupy“ gibt es in Österreich mehrere Demonstrationen zu der Gewerkschaften, ATTAC und ähnliche Organisationen aufrufen. Allerdings blieb die Anzahl der Teilnehmer*innen in Wien etwa im überschaubaren Bereich. Die Quellen sprechen bei unterschiedlichen Angaben von weniger als 5000 Teilnehmer*innen.

24. November 2011:
Bestens organisiert, weil fast schon Tradition, sind die Proteste gegen die radioaktiven Castorbehälter, die per Zug aus Frankreich nach Gorleben in Deutschland transportiert werden. Die Aktionen beginnen dieses Jahr schon in Frankreich, wohl auch, weil Fukushima ein Umdenken in der französischen Auffassung zum Thema Atompolitik herbeigeführt hat. Die Proteste verlaufen dieses Jahr vielleicht ruhiger als 2010, was womöglich auch daran liegt, dass die Autorin und bekennende Umweltaktivistin Charlotte Roche 2011 dem deutschen Bundespräsidenten kein eindeutiges Angebot machte und somit für eine weitreichende mediale Präsenz sorgte.

Anfang Dezember 2011: Proteste in Russland: Nach den Wahlen in Russland, die wenig überraschend eine Mehrheit für Putin brachten, steigt die Anzahl der Demonstrationen an. Besonders um die Weihnachtstage gehen laut westlichen Medien mehrere tausend Menschen auf die Straße. Die Forderungen der Demonstrant*innen aus den unterschiedlichsten Lagern lässt sich auf die einfach Formel „Putin raus“ reduzieren.

Zum Schluss möchte ich noch von einer der kontinuierlichsten Demos der Welt berichten. Seit 20 Jahren protestieren ehemalige Zwangsprostituierte in Seoul (Südkorea) für Wiedergutmachung. Zwischen 1931 und 1945 wurden mehr als 200.000 von ihnen in japanischen Truppenbordellen zur Prostitution gezwungen. Auf der 1000. Demo am 14. Dezember 2011 wird ein Denkmal für die vielen Frauen enthüllt – gegen den Willen des japanischen Botschafters, wie sich doch wohl von selbst versteht.

01. Jänner 2012: Der Bahrain kommt nicht zur Ruhe. Um gegen den ungeklärten Tod eines 15-Jährigen zu protestieren, sind in Bahrain Tausende Menschen auf die Straße gegangen. Die Polizei ging mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die zumeist jugendlichen Demonstranten vor. Die Auseinandersetzungen dauerten Stunden. Die Chancen stehen also gut, dass der Nahe Osten und wahrscheinlich auch der Maghreb 2012 auch nicht zur Ruhe kommen werden.

Ein Bespiel für viele andere Städte: Berlin

Dass es bisweilen an einem einzigen Ort zu hunderten oder gar tausenden Demonstrationen in einem Jahr kommen kann, möchte ich am Beispiel Berlin verdeutlichen: Einem Artikel der Berliner Morgenpost vom 27. Dezember 2011 zufolge, verzeichnet Berlin insgesamt 4000 Demonstrationen und Protestaktionen für das abgelaufene Jahr 2011. Mehr als die Hälfte entfällt dabei auf Berlin-Mitte. Es scheint also auch in Berlin ein erstrebenswertes Ziel zu sein, im Zentrum der Stadt, am Brandenburger Tor, zu demonstrieren. Die großen Themen sind laut Morgenpost: Atomkraft, Krieg, Rohstoffe, Solidarität mit dem „Arabischen Frühling“. Es gibt auch einen Versuch von „Occupy“-Bewegten das Regierungsviertel zu besetzen. Dieser Plan wurde nicht umgesetzt. Ein weiterer Aufreger 2011 in Berlin ist lokaler Natur. Der Flughafen Berlin-Schönefelde erhitzt noch immer die Gemüter. Der Höhepunkt der Protestkultur in Berlin ist der so genannte „Tag der Arbeit“ am 1. Mai. Dort geht es regelmäßig rund. Es gab in den letzten Jahren immer wieder schwere Ausschreitungen. Um dies 2011 zu verhindern, wurden 6000 Polizeitbeamt*innen auch aus anderen Bundesländern zugezogen.

Was haben die Proteste in den verschiedenen Ländern gemeinsam?

Was haben die von mir aufgelisteten Proteste gemeinsam? Eine formale Parallele haben viele Protestaktionen: Sie sind auf einen Platz, sprich auf eine im öffentlichen Raum als Platz oder Park gekennzeichneten Raum, der für öffentliche Versammlungen prädestiniert ist. Mit anderen Worten: Es kommt auch zu Latschdemos, aber das Okkupieren eines fixen Platzes ist in dieser Konsequenz durchaus bemerkenswert. Auch wenn dies nicht neu ist. Der Platz des Himmlischen Friedens in Peking, der Ballhausplatz in Wien, der Wenzelsplatz in Prag etc. sind nur einige Beispiele für die platzorientierte Protestkultur in der Welt. Die Vorteile diese Vorgehensweise liegen auf der Hand. Die protestierende Masse erscheint größer und in sich geschlossener. Die Masse kann sich besser schützen, da sie nicht leicht voneinander zu trennen ist. Negativ und gefährlich ist es, wenn die sich selbst als Ordnungshüter bezeichnende Polizei/Armee tatsächlich Ordnung schaffen wollen… Die Androhung von Gewalt kann in diesen Situationen bereits zu schwerwiegenden Folgen führen Massenpanik ist eine gefährliche Waffe besonders bei großen Menschenmengen.

Inhaltlich sind die vergleichbaren Momente nicht mehr so leicht zu benennen. In den so genannten Demokratien westlichen Zuschnitts stehen soziale Fragen deutlich im Vordergrund, während im arabischen Raum vornehmlich die teilweise während Jahrzehnten regierenden alten Diktatorenschläuche abgeschnitten werden und neuer Wein in Form von gemäßigten Islamist*innen an die Macht kommt. Der Protest wird getragen von der Gesichtsbuchgeneration und einer gewissen Mittelschicht. Es handelt sich in jedem Falle nicht um einen von der organisierten Arbeiterschaft getragenen Protest. Er entsprang durchaus in gut (aus)gebildeten Schichten, die den Anspruch auf Mittelstand stellten und stellen. Laut Financial Times Deutschland fanden in den sogenannten westlichen Demokratien Proteste eher in Ländern mit einer egalitären Tradition statt. Dies bedeutet wohl für Österreich ein Mangel an egalitärer Tradition.

Und was ist mit Österreich? Sollte die vorhergehende Hypothese stimmen, so ist es klar, dass es in Österreich so kommen musste, wie es kam. Was passierte in Wien, Graz, Linz etc.? Außer ein paar Versuche sich an die internationale Occupy-Bewegung anzuschließen und dem Wutbürgerausbruch des Kabarettisten Roland Dühringer passierte in good old Austria nicht allzu viel. Dass Roland Dühringers Auftritt in der letzten Ausgabe von „Dorfers Donnerstalk“ ein derartiges ufsehen erregte, zeigt nur, dass es ein Bedürfnis gibt, etwas zu ändern. Offensichtlich ist das alltägliche Raunzen jedochVentil genug, um den Frust über die gesellschaftliche Lage loszuwerden. Außerdem lieben Herr und Frau Österreicher das Stellvertretertum. Da Roland Dühringer coram publico und via ORF ausspuckte, was offensichtlich vielen Menschen auf der Zunge brennt, wurde die Aufabe erfüllt. Frei nach dem Motto: Gut, dass dies auch mal gesagt wurde.

Aber auch über Österreich hinaus: Ich bin mir nicht allzu sicher, ob sich im Maghreb wirklich etwas ändert, oder ob ein autoritäres System nur durch ein anderes mit einem etwas freundlicheren Gesicht ersetzt wird. Ich bin mir noch weniger sicher, ob Wutausbrüche von Wutbürger*innen etwas an der allgemeinen Situation ändern oder als systemstabilisierendes Ventil gesehen werden können. Schließlich leben wir alle in einem sogenannten „demokratischen Kapitalismus“, in dem jede/r seine/ihre Meinung frei äußern und zum Besten geben darf. Wenn dann noch ein paar Kameras oder Mikrophone diese Meinung in die Welt der Aufmerksamkeitsökonomie hinaus pusten können; umso besser. Es gibt nichts Schöneres als mit einem Menschenrecht auch noch Geld zu verdienen. Hier decken sich Kapitalismus und Demokratie eins zu eins. Herr Dühringer erfüllte nicht nur den öffentlich-rechtlichen Auftrag der freien Meinungsäußerung und der politischen Bildung. Er wurde auch noch zum neuen Aushängeschild und kritischen Testimonanial des ORF. Der ORF war durch den Auftritt Dühringers in aller Munde. Vielleicht kann Dodo Roscic diesen Gedanken aufgreifen und in ihrer Funktion als Programmentwicklerin ein neues Format aus dem Nährboden von Wutbürgertum und Occupy stampfen. Statt der gescheiterten Daily Soap „Mitten im Achten“ gibt es dann den „Austrias Best Speaker“ hosted by Sido, Roland Dühringer und Armin Wolf, präsentiert von der Industriellen Vereinigung. What a wonderful world.

Das Spiel der Medien

Verlassen wir wieder die österreichische Suppenschüssel und blicken über den medialen Tellerrnd. Interessant sind in diesem Zusammenhang weitere zwei Dinge: erstens berichtet die Financial Times Deutschland ausführlich im Rückblick über die weltweiten Proteste und bringt sogar eine Infografik mit den Schwerpunkten „Occupy“-Bewegung, „Arabischer Frühling“ und „Sonstige“. Mit anderen Worten die Hauspostille der Hochfinanz beobachtet genau, was da passiert und berichtet dementsprechend. Frei nach Sun Zu ist es wichtig seinen Feind zu kennen, bevor man/frau in die Schlacht zieht. Das Politmagazin „Cicero“ und besagte „Financial Times Deutschland“ deklarieren/deklamieren bereits Anfang September 2011, dass das Jahr 2011 das Jahr der „Globalisierten Wut“ (Cicero) und der „weltweiten Empörung (FTD) sei. Ebenso bringt die „Kleine Zeitung“ ein ähnlich klingendes Resumee; wohl dachte man/frau in den Redaktionsstuben, dass die Tottenhamproteste wohl der Höhepunkt des Jahres darstellen würden. Dabei hat die Occupy-Bewegung, die sich explizit gegen das Finanzkapital wehrt, zu diesem Zeitpunkt das Licht der Welt noch nicht erblickt. Auch dieses Interesse der Finanzpresse an „Occupy“ und den Protesten ist ein Zeichen für die Systemimmanenz und nicht für einen Systemwechsel. Libyen muss wieder aufgebaut werden. Hier entsteht sicher ein neuer Markt.

Ein weiterer Beleg für einen gedämpften Optimisus, dass sich mit dem Jahr 2011 die Welt grundlegend zum Positiven verändern wird, liegt in einem Wort begründet, das ich bei meiner Internetrecherche fand. Das Wort „Aufstandismus“ ist Teil des Sommercamps der NAJU BW und soll, wenn ich den Einladungstext für dieses Festival richtig verstanden habe – eine Art Haltung vermitteln, sich für seine/ihre Rechte einzusetzen. „Wir wollen mit euch dieses Jahr Möglichkeiten finden, wie man sich auch in Zukunft für seine Rechte einsetzen kann. Lass uns das Dickicht aus Ideologien und -ismen kritisch hinterfragen. Sei Teil des “Aufstandismus” und lass uns zusammen Lösungen finden, wie man etwas erreichen kann!“

Eine andere Lesart ist jedoch auch denkbar. Das Wort „Aufstandismus“ könnte man/frau als „Auftstand um des Aufstands“-Willen übersetzen. Aufstandismus stünde nach meiner Lesart eher dafür, dass der Aufstand oder die offizielle und kollektive Empörung zu einem politischen Ritual oder einer Prozedur würde, die am Ende des Tages eine Stilübung in Sachen Demokratie sein Würde. Demokratie kann eben genau daran gemessen werden, wie mit Aufständen in der eigenon Gesellschaft umgegangen wird. Die Taktik des Aussitzens von Protesten ist die eleganteste Methode Proteste zur Stilblüte verkommen zu lassen. Ein weiterer Begriff, der in diesem Zusammenhang von Interesse ist, ist jener der Demokratur. Inwiefern sind wir noch in der Demokratie oder wie weit haben sich die demokratischen Strukturen verselbständigt, dass kein tiefer gehender Wandel der Gesellschaft mehr durch die Politik möglich ist. Wie zementiert sind die Demokraturen, dass neue und/oder kleine Parteien bestenfalls einen Achtungserfolg erzielen können und sich punktuell nur dann als Alternative etablieren können, so lange sie das Spiel der Parteien grundsätzlich mitspielen? Wird sich in den arabischen Staaten wirklich etwas ändern oder sind die Ergebnisse dieser Proteste nur altes brackiges Oasenwasser, das uns in neuen Schläuchen kredenzt wird?

Wie bereits angedeutet ist das Spiel der Medien entscheidend. Ihr Spiel funktioniert nach den Methoden der launischen Diva (männlich/weiblich). Sie scheint willkürlich, springt auf das nächste interessante Thema auf und sobald eine eingehendere tiefgründigere Beschäftigung geboten scheint, verschwindet sie wieder. Die „rasenden Reporter“ sind sprichwörtlicher denn je. Es regiert das Copy and Paste der Nachrichtenagenturen und der Internetrecherche. Sie brauchen sich ja nur anzuschauen, welches Eigenleben ein und dieselbe Agenturmeldung hat. Durch das System der Agenturen setzen sich Meldungen in einem Kreis fort. Sie sind fast viral und das auch noch in Kombination mit den neuen Medien.

Durch die globalisierten Medien ist es zwar leichter den nächsten Protest in Aktion zu setzen, durch Live-Streaming und andere Medien brauchen die herkömmlichen Journalist*innen Themen nur mehr zu „covern“. Die Arbeit wird ihnen teilweise schon stark abgenommen und dennoch: Wer entscheidet, welcher Protest in welcher Hinsicht wie interessant ist. Um mit Urvashi Butalia zu sprechen: „wie kommt es, daß der eine Protest (…) eine derart erstaunliche und breite Reaktion hervorrief, während ein anderer Protest (…), der schon 11 Jahre andauert nicht einmal ein Thema in den Medien ist?“. Diese Frage ist berechtigt. Führt hier das Copy and Paste-Prinzip zu einer exponentiellen Aufmerksamkeitsspirale. Müssen einige wenige den Anfang machen, dass andere dann weiter berichten? Ist es nicht so, dass auch wie im Falle dieses Berichtes, die meisten nicht mehr ihren Schreibtisch verlassen und sich im großen Angebot des Internets/der Agenturen bedienen, um dann passgenau auf die jeweilige Zielgruppe das zu veröffentlichen, was eh schon jeder weiß, der ein bisschen auf „Wireless“-Draht ist. Und nicht zuletzt sind viele Berichte nicht mehr als ein verdeckter Kommentar ohne sich jedoch als Gonzo-Journalismus auszuweisen.

Ich persönlich habe schon die Erfahrung gemacht, dass es durchaus sinnvoller ist, nicht die Tagespresse zu einem bestimmten Thema zu konsultieren, sondern Wochen,- und Monatsblätter, die den Druck der Aufmerksamkeitsspirale geringfügig gelassener entgegenarbeiten können, als die Tagespresse, die durch ihre Onlinemedien zur Minutenpresse geworden ist. Auch die Medien unterliegen dem ökonomischen Rahmenbedingungen und sind Motor einer Aufmerksamkeitsökonomie, die immer wichtiger wird. Was in einer globalisierten Welt nicht in die Sechs-Uhr-Nachrichten schafft, kommt eigentlich nicht vor, ist nie passiert und hat bestenfalls nur regionale Relevanz. Was einem nicht medial zu Ohr/zum Auge gebracht wurde ist nicht, wird nie sein und war auch nie gewesen. Stellen Sie sich einfach vor, über den Krieg in Libyen wäre nicht berichtet worden und wir hätten keine täglichen Wüstenstandsmeldungen von der Progression der Rebellen bekommen. Stellen Sie sich vor, Griechenland wäre nicht unter Dauerbeschuss der Medien gelegen. Die Krise hätte womöglich nicht stattgefunden. Wir werden es nicht wissen.

Aber was kann man tun? Mit Milde und Gelassenheit reagieren, Aufkärung betreiben und Gegenöffentlichkeiten schaffen. Die Aufmerksamkeitsökonomie ist ein hartes Brot und die Mainstreammeinungen und Konfektionsartikel sind nicht leicht zu boykottieren. Man/frau kann nur mit den Mitteln der Subversion arbeiten. Subversion bedeutet in diesem Falle die Spielregeln des Gegners kennen lernen und sie gegen ihn selbst richten. Medial, inhaltlich und im vollen Ausmaß. Das Web 2.0. ist eine gute Methode. Ein zweiter wichtiger Punkt muss die Ausdauer sein, sowie die Bereitschaft sich auch für die weniger prestigehafte Dinge, wie Organisation, Logistik, Reinigung etc. zu begeistern. Bei lauwarmen Wetter in einem Plenum das große Wort zu führen ist die eine Sache. Den Dreck wegzuräumen, der bei einer Besetzung entsteht, eine völlig andere. Weltverbesserung ist nichts für Weicheier/Weicheierstöcke und Kurzstreckenläufer*innen.

Quellen: www.tagesschau.de, wikipedia. Kleine Zeitung, Die Zeit, Lettre International, Financial Times Deutschland uam.

09/12/2011

Die Anarchisten, die Presse und Ackermann

von wilfriedkheld

Angeblich hat ja die FAI einen Anschlag auf Ackermann und Co. eingefädelt. Abgesehen davon, dass ich Briefbombenanschläge für ein wenig zielführendes Mittel halte, um das “gute Leben” zu bekommen, finde ich doch seltsam, wie die Medien mit der Aktion umgehen. Besonders die Berichterstattung der Onlineausgabe von “Die Presse” ist diesbezüglich komisch. Urteilen Sie selbst:

Screenshot von diepresse.at

Welche Aussage das Bild nun unterstreichen soll ist mir schleierhaft. Offensichtlich zeigt es Polizeikräfte – so genannte Helmis – die einen Demonstranten oder ein Demonstrantin – auf den Erdboden drücken. Die Aufnahme dürfte aus dem Herbst stammen, da das braune Lauf zu erkennen ist. Dass es sich bei dem/der Festgenommenen um eine/n Demonstrant*in handelt, wird durch das Megaphon deutlich. Hochgekrempelte Jeans und Kapuzenshirt lassen auf einen Menschen aus der autonomen Szene schließen (links oder rechtsautonom ist schon gar nicht ersichtlich). Allerdings sind diese Angaben Spekulation.

Aber was will und “die Presse” mit dem Foto sagen. Eine mögliche Interpretation bestünde in folgender Aussage: “Keine Angst liebe Bürgerinnen und Bürger – die Verbrecher werden gefasst werden.” Oder sieht die Presse drohende Polizeieskalation bei allem was nur nach Autonomie riecht? Vielleicht übt sich “die Presse” als Cassandra eines heraufziehenden Polizeistaats. Vielleicht will “die Presse” auch nur sagen: “Dort wo Anarchist*innen sind ist Gewalt und dasChaos.” In jedem Falle passt das Foto nicht zum Inhalt, und schon gar nicht zu dem wofür viele Anarchist*innen stehen, denn es ist wohl kaum davon auszugehen, dass die Polizei mittlerweile der Anarchie frönen – aber wer weiß.

27/11/2011

Schmierereien am Matzleinsdorferplatz

von wilfriedkheld

Zugegeben der Matzleinsdorfer Platz zu Wien gehört nicht zu den schönsten Ecken der Bundeshauptstadt. Der Platz, der eigentlich eine Kreuzung ist, stellt verkehrstechnisch einen der wichtigen Knotenpunkte in Wien dar. Hier treffen sich mehrere öffentliche Linien (Schnellbahn, Straßenbahnen und Bus). Für den Individualverkehr ist der ehemalige Linienwalldurchgang der Einzug in die Stadt. Unter der ÖBB-Brücke befindet sich die Haltestelle des 14A. Keine gute Luft, Lärm und beschmierte Plakate machen diese Station nicht gerade zur besucherinnenfreundlichsten Haltestation der Wiener Linien. Und wenn man dann auch noch rassistische Schmierereien lesen muss, wird es nicht besser. Wehret den Anfängen. Offensichtlich muss man einen dicken Filzstift in der Tasche tragen, um gegen solche Schmierereien vorzugehen. Da vergeht’s einem wirklich. Zumindest dürfte jemand das Hakenkreuz durchgestrichen haben.

Eines muss man/frau den Schmieranskis lassen. Der Ort ist gezielt gewählt. Denn an dieser Stelle erhob sich der Linienwall resp. ein Linientor, die Wien vor einer etwaigen dritten Türkenbelagerung schützen sollte. Der “Linienwall” übernahm jedoch nie eine militärische Funktion, sondern diente lediglich der Eintreibung von Steuern.

Schmierereien am Matzleinsdorferplatz

Foto Haltestelle 14A

12/11/2011

Lindengasse goes Westbahnstraße 1.2.

von wilfriedkheld

Nur wenige Tage nach der Räumung von EPIZENTRUM in der Lindengasse wurde am 11. November 2011 (kein Faschingsscherz) erneut ein Haus besetzt. Das Objekt der Begierde steht ebenfalls im 7. Wiener Gemeindebezirk nur einige Häuserblöcke entfernt vom EPIZENTRUM. Die Besetzer*innen suchten sich das Haus in der Westbahnstraße 13 aus. Es handelt sich um ein Abrisshaus. Bereits wenige Stunden nach der Besetzung schien eine Räumung anberaumt zu werden. Twittermeldungen forderten zur Solidarität und zur Präsenz am Ort des Geschehens auf. Inzwischen haben ORF und derStandard über die neue Besetzung berichtet. Die Lage scheint ruhig; eine Räumung könne nur auf Anordnung des Besitzers angesetzt werden. Die abgestellten Polizisten seien je nach Berichten vor Ort um die “Lage zu beobachten” respektive um wen auch immer “abzusichern”.

Am 15. November kam es zu widersprüchlichen Nachrichten. Es war nicht klar ersichtlich, ob die “Wilde 13″, wie der neue Freiraum nun von den Aktivist*innen genannt wurde, bereits aufgelöst worden war oder nicht. Pikant war ein Beitrag der wunderbaren, bestinformierten und ewig objektiv berichtenden Zeitung “Heute”, die davon zu berichten wusste, dass die Besetzer*innen Feuerwerkskörper auf die anwesenden Polizist*innen warfen. Angeblich kam es auch zu Anrainer*innenbeschwerden, was alles Indizien für eine Räumung darstellten.

Am 15. respektive 16. November wurde das Projekt “Wilde 13″ aufgegeben respektive geräumt. Bei der offiziellen Räumung sollen sich keine Besetzer*innen mehr eingefunden haben.

Links:
Twitter
wien.orf.at
derStandard zum Ersten
derStandard zum Zweiten
DerStandard zum Dritten
Heute
Nochrichten.at

23/10/2011

Nach langem mal wieder die FPÖ

von wilfriedkheld

Eigentlich hatte ich vor die FPÖ in diesem Weblog zu verbannen. Jetzt breche ich mein Wort. Dies aus gutem Grunde und gegebenem Anlass.

Vor einigen Tagen fielen mir die “neuen” Plakate der FPÖ auf. Neu an den Plakaten waren weniger die Botschaften, als die Tatsache, dass Johann Gudenus jun., strammer Recke von der Wieden und Hazeh Straches Statt/Stadthalter zu Vindobona, nun auch neben dem “Schääääf” auf dem Plakat abgelichtet wurde. Ja, Hazeh macht ernst mit “breiter personeller Aufstellung.” Er selbst wird ja auch nicht jünger.

Nun fragen Sie sich wieso Hazeh in diesem bescheidenen Weblog ein Comeback feiert. Der Grund ist ganz einfach: Trotz politischer Misskonjunktur und Selbstzerstörungsaktionen bei SPÖ und ÖVP (Stichwort Korruptions,- und Inseratenkampagne) scheint Hazeh es für teuer und rechts zu halten, sich wieder in das kollektive Gedächtnis des populus austriacus zu rufen. Aufgrund der (nicht)-herrschenden politischen Konjunktur könnte er seine Partei auf Autopilot stellen, die Hände in den Schoß legen und warten was passiert. Ich vermute einmal, dass er, ohne großes Zutun seinerseits, Stimmen dazugewinnen würde. Aber so tickt unser Hazeh nicht. Hazeh scheint sich unwohl zu fühlen, wenn er seinen Konterfei nicht alle sechs Monate in einer neuen Plakatserie entgegenlächeln sieht. So be it. Narziss und Goldmündchen Gudenus grüßen den Herbst.

Und auch unsere Briefkästen wurden mit einer altpapierwürdigen Lesebeilage der FPÖ vermüllt. Allerdings hat eine solche Parteiwerbung, sofern sie sporadisch zugeschickt wird, auch etwas Gutes. Sie bringt Abwechslung in das Einerlei der Take-Away und Lieferservicespeisekarten. Und ich gebe es zu. Ich las sogar das FPÖ’sche Machwerk.

Nun zu den Thesen:

Als Fazit kann ich nur sagen: Der FPÖ fällt nichts Neues ein
a) EU-Kritik mit dem Holzhammer. Die FPÖ versucht nicht einmal zu erklären, warum es beim europäischen Prozess geht. Die Kritik am ESM scheint teilweise berechtigt. Die FPÖ verschweigt jedoch wichtige Infos. (1) Der ESM-Schirm soll erst ab Mitte 2013 den derzeitigen ESEF-Schirm ablösen. Außerdem ist es nicht so, dass die EU-Staaten zum neuen Rettungsschirm einfach so beitreten. Auch hier ist wie im Falle des ESEF eine Ratifizierung durch das Parlament notwendig. Dies ist der allgemeinen bundesdeutschen Presse zumindest zu entnehmen. Bei allem Verständnis, dafür, dass die Wirtschaftsunion EU nur eine geringe soziale und demokratische Ausprägung hat und dass der ESM noch kritischer zu beäugen ist als der ESEF, verschweigt die FPÖ wichtige Details und steigert die Panik zwecks Stimmenmaximierung. Wer im Glashaus sitzt soll nicht mit Steinen werfen. Die FPÖ nimmt gerne Felsbrocken.

b) rot-grün Kritik. Die Diffamierung der rot-grünen Regierung als quasi kommunistisch ist wenig zielführend. Hätte die rot-grüne Regierung nur einen Hauch mit sozialistischem Gedankengut zu tun, würde definitiv ein anderer Wind in der Stadt wehen. Es handelt sich hier um Angstmache und um die Taktik, die aktuelle Stadtregierung nach Links zu schieben um die eigene Position eher in die Mitte rücken zu können. Alle wollen in die Mitte. Und wo kein Platz ist, muss man die Grenzen zu seinen Gunsten verschieben. Auch die Hinweise bezüglich der Erhöhung der Fahrscheine sind falsch. 2,80 Euro für einen Fahrschein steht nicht zur Debatte. Die FPÖ operiert vollkommen demagogisch. Zahlen werden eingeführt, die nicht Stimmen und nicht zurück genommen. Die Konstruktion von Feindbildern ist der FPÖ enorm wichtig.

c) Gendermainstreaming-Kritik. Angesichts verschiedener Gender-Mainstreaming-Experimente in Schulen wettert die FPÖ natürlich gegen das Teufelswerk. Es ist offensichtlich für die strammen Mannen der FPÖ undenkbar, dass Geschlechterzuschreibungen wir Fingernägellakieren hinterfragt werden sollten. Der spielerische Umgang mit verschiedenen Geschlechtsrollen darf natürlich auch nicht erprobt werden. Ganz nebenbei kann die FPÖ sich auf Renate Brauner einschießen. Die Verteuflung von Gender-Mainstreaming ist ein Deckmantel für Ressentiments verschiedenster Arten und Weisen.

d) Kulturkrititik: nach dem Amerlinghaus schießt die FPÖ sich nun auf das WUK ein. Das WUK und das Amerlinghaus sind laut FPÖ-Diktion “linksanarchistisch” (wie weit man doch daneben liegen kann Sic!) und vor allem Nestbeschmutzer. Die kritsierte Aktion heißt übrigens “Hamam statt Daham”. Ein Schelm der böses denkt!

e) über die allgemeine Ausländerhatz vor allem in Richtung “Muslime” braucht kein weiteres Wort verloren zu werden. Da werden Muslime und Islamisten schnell mal in einen Topf geworfen. (“Die Freiheitlichen sehen darin [Gründung eines islamischen Gymnasium. Anmerkung wkh]nur einen weiteren Kniefall der rot-grünen Stadtregierung vor den Islamisten.”) Auch verwechselt die FPÖ Assimilierung mit Integration. Das Beispiel eines “Muslimgulaschs”, das bei der Angelobung für das Bundesheer für muslimische Rekruten und ihre Familien zur Verfügung gestellt wird, wird nicht als Glücksfall der Integration gesehen nein. Es wird dsich darüber empört. Es handle sich um “Liebdienerei der SPÖ gegen die Muslime”. “Christliche Werte würden keine Berücksichtigung mehr finden.” Ja, dabei war es doch Jesus Christus persönlich, der das Schweinefleischverbot aufhob. Außerdem besteht ein Gulasch doch normalerweise aus Rindsfleisch.

Es ginge noch so weiter in der heilen Heidi-Welt des Hazeh Strache. Die Ingredenzien für den neuen Faschismus sind alle da. Wie sagte ein gewisser Herr Liebermann: “Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.” Und da brauche ich nicht einmal ein extra Muslimgulasch dazu; die Suppe, die uns die FPÖ – und mit ihr die anderen Parteien – einbrockt, müssen wir selbst auslöffeln. Wehret den Anfängen, denn sie sind schon lang kein Anfang mehr.

18/10/2011

Epizentrum Wien 1.4.

von wilfriedkheld

Mit der Lindengasse 60 geht der Reigen der Hausbesetzungen in Wien munter weiter (siehe weitere Beiträge hier im Weblog.) Mitten im schönen “grünen” 7. Bezirk findet also eine Hausbesetzung statt. Es geht vordergründig nicht um “Gratis-Wohnen”, was angesichts der zahlreichen Leerstände in Wien durchaus auch eine berechtige politische Frage ist, sondern um die Schaffung eines Freiraums, der nicht kommerziell genutzt werden soll. Räume in denen keine Konsumpflicht besteht sind mittlerweile rar gesät. Gerade in “Boboville” (copyright Andrea Dusl) ist eine solche Aktion umso bemerkenswerter, da es sich bei Neubau um einen Paradegentrifikationsbezirk in Wien handelt. Allein die Entwicklung der Neubaugasse sollte hier Beispiel genug sein.

Bad News

Nach knapp zwei Wochen (Ende Oktober, Anfang November) schienen die Tage des “Epizentrums” gezählt. Einstimmige Medienberichte legten dies nahe. Wieder konnte kein Konsens mit den Eigentümern erwirkt werden. Was bleibt ist durchaus eine wohlwollende Berichterstattung und das Wissen, dass es in Wien einen krassen Leerstand gibt.
Eine angeblich anberaumte Räumung per 31. 10. wurde nun doch von der BUWOG gestrichen. Man zeige sich gesprächsbereit. Das Taktieren der BUWOG hatte – ein Schelm wer Böses denkt – vielleicht auch mit den Negativschlagzeilen der letzten Monate um diverse dubiose Verkäufe und Geldflüsse in der “Ära” Karl-Heinz Grasser I und II zu tun. Wie dem auch sei. Erneut wurde ein Tag gewonnen für das “Epizentrum”.

Eine Woche später war es dann soweit. Am 08. November wurde das Epizentrum geräumt. Zunächst friedlich. Am Abend des 8. November kam es nach Berichterstattungen zu Demonstrationen mit Übergriffen.

Eine weitere interessante Koizidenz bestand in der erneuten Meldung, dass das Amerlinghaus von der Schließung bedroht sei. Einerseits ein Epizentrum, das nach gut drei Wochen geschlossen wurde, auf der anderen Seite ein bedrohtes Amerlinghaus, das seit ca. 30 Jahren Teil der Wiener Kultur ist. Ein Schelm wer böses denkt…

Mehr zu Epizentrum:

Artikel “Der Standard
Epizentrum
Diashow auf der.standard.at
Räumung Epizentrum
Keine Räumung: die Presse
ORF online zur Räumung

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.